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Fremde Weihnachten

Es dämmerte bereits draußen, als er seinen Kleiderschrank öffnete. An der großen Fensterscheibe funkelte ein weißer Stern, der mit goldenen Verzierungen versehen war, und ihm im ansonsten dunklen Schlafzimmer Licht spendete. Er musste nicht lange nach dem richtigen Hemd, seinem Anzug und seiner dazu farblich abgestimmten Krawatte suchen, da sie noch zusammen, in der Folie der Reinigung um die Ecke, verpackt waren. Mit zittrigen Fingern knöpfte er sein Hemd und sein Sakko zu, um anschließend das Ergebnis im Badezimmerspiegel begutachten zu können. Die Haare waren mit penibelster Sorgfalt vom Friseur über die kahlen Stellen gelegt worden, sodass er sich danach jünger und wohler fühlte. Er war mit sich und seinem Aussehen zufrieden. Von draußen hörte er die Kirchturmuhr fünf schlagen. Bald würde die Weihnachtsmesse beginnen, doch in diesem Jahr nicht für ihn. Viele Jahre hatte er bereits zu Weihnachten auf engem Raum mit bekannten oder weniger bekannten Gesichtern in der Kirche verbracht, um bei stickiger Luft am Ende das wohl schönste Weihnachtslied „Stille Nacht“ zu singen. Jedes Jahr musste er allerdings aufs Neue feststellen, dass seine Textsicherheit nicht über die erste Strophe hinausreichte.

Er warf sich seinen schwarzen Mantel über, schlüpfte in seine schwarzen Lederschuhe, die von allen Seiten auf die immer dicker werdenden Füße einzuhämmern schienen, und griff nach seinem hölzernen Gehstock, der im Regenschirmständer steckte. Schritt für Schritt humpelte er, die von Laternen beleuchtete Straße entlang, begrüßte Nachbarn, die sich auf dem Weg in die Kirche befanden, und steuerte selbst in Richtung Friedhof. Eine massive, dunkle Stahltür, die er rüttelnd und mit hohem Kraftaufwand aufstoßen musste, trennte ihn von seinem Ziel. Am Eingang nahm er eine rote Kerze aus einer braunen Holzkiste, steckte einen Euro in die dazugehörige Blechdose und schritt weiter bis zum hinteren Teil des Geländes. Er schien der einzige zu sein. Weit und breit war niemand zu sehen. Man hörte ausschließlich den durch die Häuser und Wälder gedämpften Lärm der naheliegenden Autobahn, doch das nahm er schon gar nicht mehr wahr.

Vor einem grauen Stein, in den drei Namen graviert waren, machte er Halt. „In ewiger Liebe zu meiner Frau und meinen Kindern. 24.12.2001.“ Mit seinen Gicht befallenen Händen befreite er den Grabstein von nassem Laub und stellte die rote Kerze, die er anzündete, darauf ab. Anschließend hob er seinen Kopf, blickte in den Himmel und hielt den Atem an. Eine winzige warme Träne bahnte sich ihren Weg über das von Falten und Narben gezeichnete Gesicht, bis sie anschließend auf den schwarzen Mantel tropfte. An diesem Abend waren weder Mond noch Sterne zu sehen, denn der Himmel war bedeckt, doch er schien zu sehen. Sein Kopf wendete sich wieder in Richtung Stein und er lächelte. Sachte strömte sein weißer Atem in die kalte Nacht. Mit schweren Schritten verließ er den Ort der Stille.

Um 19:24 Uhr sollte der Zug auf Gleis 2 einfahren. Er setzte sich auf eine kalte Bank, hielt den Gehstock zwischen den Beinen fest und beobachtete das Geschehen. Auch am Heiligen Abend schienen die Menschen von Stress getrieben zu sein, rannten mit schweren Taschen und modernen Rollkoffern aus dem Zug, um die Treppe – das Tor in die Freiheit, das Tor zum anderen Gleis – zügig zu erreichen. Argwohn befiehl ihn: Wo war die Ruhe im Leben geblieben? Warum verstrich die Zeit heute so schnell? Sie war doch früher förmlich geschlichen. Es war ihm ein Rätsel. Doch er schob den Gedanken beiseite und konzentrierte sich auf andere Menschen. Auf die, die sich in die Arme fielen, sich freuten, einander zu haben. Kleine Freudentränen funkelten in den Augen. Diese Menschen haben pures Glück, dachte er. Doch als der Zug um Punkt 19:24 Uhr auf Gleis 2 einfuhr, er sie mit einem bordeauxroten Koffer aussteigen sah, sie sich umarmten und er seinen Kopf an ihren schmiegte, wusste er, dass es nicht nur Glück war.

Zusammen überquerten sie die Straßen, schwiegen, als er bemerkte, dass sich eine kleine Schneeflocke auf die noch nasse Stelle der Träne legte. Er blieb stehen, blickte in den Himmel und lachte – mit ihrer Hand in seiner.