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Erfahrungsbericht

Blicke ich auf den Dezember des Jahres 2018 zurück, befallen mich sehr gespaltene Gefühle. Das ist auf der einen Seite mein Stolz, der in leisen Tönen zu mir spricht und mir versichert, das richtige getan, nämlich meinen Traum verwirklicht zu haben. Dazu mischt sich aber das Gefühl, das ich angesichts der Ablehnung vieler Menschen erleben musste. Wieso wollten sie nicht einmal zuhören? Standen sie doch lediglich am Bahnhof und warteten auf einen einfahrenden Zug! Ich habe viel mit mir gehadert und überlegt, wie viel ich euch vom 18.12.2018 berichten könnte. Was würde euch wohl interessieren? Was kann ich euch zumuten? Das ist das Ergebnis!

Meine negativen Eindrücke

Die erste Ernüchterung ließ nicht lange auf sich warten: Ich stand vor der großen Anzeigetafel am Hauptbahnhof und wählte als ersten Zug einen ICE nach Dresden. Auf dem Weg zum Gleis grinste ich über beide Ohren, da meine Freude kaum zu bändigen war – dachte ich. Am Bahnsteig angekommen, sah ich Menschen mit großen Taschen und Rollkoffern. Kopfhörer steckten meist in den Ohren, das Handy festgewachsen in der Hand, worauf wild herumgetippt wurde. Eine Frau mittleren Alters sollte meine erste Beschenkte werden. Ich ging zu ihr, lächelte und fragte: „Hallo, darf ich Ihnen eine Weihnachtsgeschichte von mir schenken?“ Sie blickte mich herablassend an und fauchte: „Nein, dürfen Sie nicht!“ Die nächsten Antworten fielen nicht anders aus: Menschen drehten sich von mir weg, schüttelten gereizt den Kopf oder sagten ganz einfach „Nein!“ „Ne!“ „Nö!“ „Nä!“ – ich hatte mir nie zuvor Gedanken darüber gemacht, wie viele unterschiedliche Variationen von „Nein“ es gibt. So verließ ich das Gleis mit Tränen in den Augen. Ich hatte mich zwar auf Ablehnung eingestellt, doch dass diese mit so einer brachialen Gewalt auf mich einprasseln würde, hatte ich nicht erwartet. Einige Minuten stand ich an einer Wand der Unterführung und versuchte mich zu sammeln. Dabei wurde ich von großen Selbstzweifeln geplagt: War ich zu naiv gewesen? Sollte ich alles abbrechen und die Geschichten der Mülltonne übergeben? Fragen über Fragen kreisten wild in meinem Kopf, bis mir bewusst wurde, was ich hier tat. Ich riss mich zusammen, erklomm weiter Treppe für Treppe, ging von Gleis zu Gleis.

Die folgende Situation ist mir als die unangenehmste in Erinnerung geblieben: Ich sah eine Gruppe von fünf erwachsenen Menschen, alle etwa 50 Jahre alt. Ich ging also zu ihnen, lächelte, erzählte von meiner Aktion und sagte zum Abschluss, dass ich ihnen gerne eine Geschichte schenken würde. Da veränderten sich die Gesichter. Die Frau, die mir gegenüber stand, blickte mich böse an und riss mir einfach eine Geschichte aus der Hand: „Zeig mal her!“ Neben mir begann eine Frau zu kichern. Rechts beugte sich ein Mann zu mir herüber, seine Augen wurden zu kleinen Schlitzen und er fragte: „Von wem soll die Geschichte sein?“ Die Frau neben mir kreischte als Antwort: „Na, von der da!“, und sie zeigte mit ihrem Zeigefinger auf mich. Alle lachten. „Nä, so etwas brauchen wir nicht.“ Ich bedankte mich, wünschte schöne Weihnachtsfeiertage und verließ die Gruppe. Wünsche, die mir in diesem Fall fast im Halse stecken blieben.

Im Laufe des Tages gewöhnte ich mich an die vielen Neins. „Nein“ wurde zu einer normalen Antwort, die ich einfach akzeptierte und weiterging. Mir fiel auf, dass es besonders Erwachsene mittleren Alters waren, von denen ich diese Antwort zu hören bekam, oder die mich auch gerne einfach ignorierten. Menschen, die auf den Fernverkehr warteten, hörten mir ebenfalls in den seltensten Fällen zu. Sagte eine Person „Nein“, schlossen sich die Nächsten in der Reihe ebenfalls an. „Nein!“ So geschah es, dass ich vor einer jungen Frau – Mitte zwanzig – stand und ihr eine Geschichte schenken wollte. Eine ältere Dame hatte zuvor bereits „Nein“ gesagt, daher tat sie es ihr gleich: „Nein, brauche ich nicht!“ Es war bereits sehr kalt, dunkel und diese Antwort hörte ich gefühlt zum tausensten Mal an diesem Tag. Ich blickte sie an, schaute ihr in die Augen und sagte: „Ja, das stimmt. Geschichten braucht man nicht. Sie sollen auch nur ein bisschen Freude ins Leben bringen.“

Meine positiven Eindrücke

„Darf ich Ihnen eine Weihnachtsgeschichte von mir schenken?“ Ein leichtes Zögern, verwirrte Blicke und ein zaghaftes Lächeln im Gesicht: „Von dir geschrieben? Ja, gerne.“ Ich überreichte ein Exemplar, wünschte fröhliche Weihnachten und ging grinsend weiter. Das sind Momente, an die ich mich gerne erinnere.

Jugendliche und Studenten freuten sich in den meisten Fällen. Sie erkundigten sich über meine bisherigen Erfolge, fragten, ob es nicht zu kalt war, am Bahnhof zu stehen und wünschten mir vor allem noch viel Spaß. Offenheit und Freundlichkeit. Vielleicht lag es an dem geringen Altersunterschied zwischen uns und der Tatsache, dass man einfach weiß, dass beide Seiten nicht viel Geld zur Verfügung haben. Hier ist ein Geschenk noch tatsächlich ein Geschenk – und darüber freut man sich in der Regel.

„Das ist Weihnachten!“, flüsterte ein großer Mann in einem schwarzen Mantel, als ich ihm eine Geschichte überreichte. Ich verstand anfangs gar nicht richtig, doch dann lächelte er schüchtern, und ich bemerkte, was da gerade geschah: Er freute sich tatsächlich über mein Geschenk. „Fröhliche Weihnachten!“, rief mir eine Frau hinterher und winkte. Ich erwiderte beides und konnte meinen Erfolg kaum glauben.

Die meisten Menschen, die eine Geschichte entgegennahmen, sagten „Ja“, wirkten dabei verlegen und flüsterten ein leises „Danke.“ Manche Menschen nahmen sich die Zeit, mich über meine Aktion weiter zubefragen, wollten Details wissen und wie ich mir meine Zukunft vorstellen würde. Diese Fragen wurden meist nach einer anfänglichen Ablehnung gestellt.

Viele Menschen wollten meine Geschichte erst nicht annehmen, doch ich ließ mich nicht beirren und redete einfach weiter, bis sich ein Grinsen im Gesicht meines Gegenübers zeigte. Häufig wurde ich gefragt, ob ich so jemand wäre, der einem etwas „schenkt“, um anschließend Geld zu verlangen – wie die Menschen, die Rosen „verschenken“. „Wo ist der Haken?“, fragte mich ein Mann im Anzug. „So etwas gibt es nicht. Heute bekommt man nichts mehr geschenkt.“ Auch er freute sich anschließend sehr. Viele versprachen, mir zu schreiben, Kontakt zu mir aufzunehmen. Ich führte sehr anregende Gespräche über Buchmessen, bekam viele Tipps, in welchen Städten sich die Menschen bestimmt über mich freuen würden. Zwei Männer schmiedeten Pläne, wie sie mir auch ein Geschenk bereiten könnten. Sie bemerkten dabei gar nicht, dass sie mir bereits zu diesem Zeitpunkt das größte Geschenk gemacht hatten.

Auf Gleis 9 wurde am frühen Abend ein Zug Richtung Koblenz erwartet. Viele Menschen standen am Bahnsteig und nahmen dankend eine Geschichte von mir entgegen. „Super, dann habe ich etwas im Zug zu lesen.“, sagte eine Frau. Als ich dem letzten Mann am Gleis eine überreicht hatte, ging ich wieder in Richtung Treppe. Ich blickte auf und war gerührt: Vor mir standen und saßen Menschen, die die Köpfe über meine Geschichte beugten, Menschen, die meine Geschichte lasen. Es war einfach wunderschön!

Was bleibt

Am 18.12.2018 verließ ich morgens die Wohnung mit tausend Weihnachtsgeschichten und kehrte mit exakt 333 wieder zurück. In etwa die Hälfte der Menschen ignorierte mich oder lehnte meine Geschichte ab. Die andere Hälfte nahm von einer fremden Frau ein Geschenk und bedankte sich. Am 20.12.2018 ging ich durch Aachen und verteilte die restlichen Geschichten an ein Altenheim – zu Weihnachten wurden diese an die Bewohner und Pfleger verschenkt – an ein Krankenhaus, an das Theater und an einige Buchhandlungen, die zu jedem Einkauf eine Geschichte von mir mit in die Tüte dazulegten. Ein paar Exemplare habe ich als Erinnerung behalten. Sie liegen noch in meiner Schreibtischschublade und sind bereit, an die Wand gehangen zu werden. Diese Aktion wird mich mein Leben lang daran erinnern, dass man Träume verwirklichen kann. Sie verlaufen zwar in den meisten Fällen nicht so, wie man sie sich über die Jahre ausgemalt hat. Das ist jedoch egal. Der Moment, als die Menschen vor mir am Bahnsteig standen, meine Geschichte in den Händen hielten und lasen: Das war mein Weihnachten 2018.