Kurzgeschichten

Augen Blick

Wenn wir einen Menschen betrachten, was sehen wir? Wir sehen Füße, Beine, einen Oberkörper mit zwei Armen und zwei Händen, einen Hals und darauf einen Kopf. Dies sind die Merkmale eines gesunden Menschen. Doch wir betrachten den Menschen weiter. Welche Art von Schuhen trägt er? Sind sie modern oder doch eher altmodisch? Wie sitzt die Hose, der Rock oder das Kleid? Sind die Fingernägel kurz oder lang? Schmuck oder keinen Schmuck? Wir betrachten den Kopf: Wie sehen die Haare aus? Welche Farbe haben sie? Der eine trägt die Haare kurz, der andere lang und manch einer hat gar keine. Welche weiteren Merkmale fallen und sonst auf? Steht ein Ohr vielleicht ab oder die Nase, ist sie schief? Sind die Lippen zu schmal? Welche Hautfarbe sehen wir? Ist sie eher hell oder dunkel? Was haben wir vergessen? Wir lassen unseren Blick nochmal von oben nach unten wandern. Von oben nach unten. Von unten nach oben. Unbehagen kommt in uns auf. Wir fühlen uns unwohl und verlagern unser Gewicht von dem einen Bein auf das andere. Ungeduldig fahren wir mit der rechten Hand durch die Haare, kratzen uns am Ohrläppchen und lassen unsere Hand wieder fallen. Wir verlagern unser Gewicht wieder auf das andere Bein, streifen mit unserem Zeigefinger über unsere trockenen Lippen. Verlegen schieben wir die Spitze der Zunge dazwischen hindurch, lecken erst vorsichtig die Oberlippe ab und befeuchten anschließend die untere. Wir halten den Blick gesenkt und betrachten die Schuhe der Person vor uns, doch jetzt nicht mehr wie zuvor, nicht mehr offensichtlich, sondern heimlich. Ein Blick ruht auf uns, dass spüren wir. Tief vergraben wir unsere Hände in der großen Manteltasche und wagen einen Blick nach oben. Unsere Blicke treffen sich: Wir schauen uns direkt in die Augen, unsere Körper spannen sich an und wenden den Kopf schnell wieder zur Seite. Das war unangenehm! Wir wollen weiter gehen doch bleiben wie fest verwurzelt stehen. Waren die Augen schön? Augen! Wie konnten wir die Augen vergessen? Wir riskieren einen weiteren Blick. Wieder schauen wir uns direkt in die Augen. Die Augen sind blau. Blau wie der Himmel an schönen Tagen. Blau wie das Wasser eines klaren Sees. Nicht wie das stürmische Meer, sondern wie ein ruhiger, klarer, blauer See. Wir treten näher voreinander und blicken uns immer tiefer in die Augen, vergessen die Umgebung und sehen nur uns. Kleine Falten verlaufen wie Blitze auf unserer Haut, um die strahlend blauen Augen. Müde sehen wir aus. Erschöpft. Vom Leben gezeichnet? Immer tiefer, wir wollen immer tiefer in unsere Augen blicken bis unsere Füße gegen einander stoßen und es nicht mehr vorwärts geht. Unsere Oberkörper bewegen sich jedoch weiter vor bis unsere Nasen plattgedrückt sind. Tief blicken wir uns an. Intensiv. Wir wollen Antworten auf unsere Fragen, doch wir finden sie nicht. Wir finden nichts. Unsere Blicke verfinstern sich, sodass unsere Augen nur noch zur Hälfte zu sehen sind. Langsam wird unsere Sicht milchig, benebelt und verschwommen. Der warme feuchte Atem verhindert das genauere Betrachten. Wir stehen uns selbst im Weg? Zwei Schritte gehen wir rückwärts und sind jetzt vier Meter voneinander entfernt. Was ist nur mit uns geschehen? Wir mögen uns nicht. Wir hassen uns. „Ich möchte dich nicht mehr sehen.“ Für einen kurzen Augenblick schließen wir unsere Lider. Atmen ein und aus. Ein und lassen die Luft für einen kurzen Moment in uns. Aus. Die Luft strömt mit voller Kraft aus unseren geschundenen Körper. „Wie konntest du so werden? Du hattest Ziele und Hoffnungen. Was ist aus deinen Träumen geworden?“ Ratlosigkeit liegt in unseren Blicken. Langsam schütteln den Kopf. „Schau dich nur an und sieh, was aus dir geworden ist.“ Traurig, verängstigt betrachten wir uns von Kopf bis Fuß. Von unseren grauen Turnschuhen hängen die von der Nässe schwer gewordenen Schnürsenkel herunter. Matsch aus dem Park klebt verkrustet an unseren Fußsohlen. Wir spannen unsere Muskeln vom großen Zeh an und lassen ihn hoch und runter tanzen, sodass das abgewetzte Leder der Schuhe immer wieder aufbeult. Bevor wir Gefallen daran finden, hören wir auf und blicken uns wieder in die Augen. „Noch nicht mal diese Freude gönnst du mir.“ Ein großes Loch an unserem rechten Knie bemerken wir beim Betrachten der viel zu weiten Hose. Oder ist es bei dir das Linke? Wir schütteln unseren Kopf und betrachten den Dreck an den Hosenbeinen. Wie lange tragen wir diese Hose schon? Auf den Mantel sind wir stolz, denn die Passform ist ausgezeichnet und die schöne Farbe schmeichelt uns sehr. Nein, wir müssen dies korrigieren, denn die Farbe ist mittlerweile schrecklich? War der Mantel nicht mal schön? Wieder einmal kommt Unbehagen in uns auf, treten einen Schritt nach vorne und gleichen unser Gewicht auf beide Beine aus. Die Ärmel haben einen braunen Ton angenommen. Auf dem gesamten Oberkörper sind graue Flecken, die weiß umrandet sind. Ein grauer, langer, verfilzter Bart hängt von unserem Kopf herunter. Dort, wo eigentlich Koteletten sein sollten, verbindet sich der Bart mit den schulterlangen Haaren. Wir sehen älter aus als wir sind. Unsere Augen weiten sich und unsere Körper stehen regungslos voreinander. Stehen einfach da und bewegen sich nicht. Unsere Brustkörbe heben und senken sich. Heben und senken. „Wie konntest du mir das nur antun? Wie konntest du zulassen, dass das aus mir wird? Was für einen Menschen hast du aus mir gemacht? Einen Menschen, den niemand mehr sehen möchte. Mit dem niemand redet. Das werde ich dir niemals verzeihen.“ Wir drehen uns um und wollen uns voneinander entfernen. Gehen einen Schritt und noch einen weiteren. Wut kommt über uns. Wir versuchen sie zurückzuhalten, doch da ist es schon zu spät. Schreie brechen aus uns heraus und wir laufen mit erhobenen Händen auf einander zu. Unsere Fäuste treffen in Höhe des Gesichts aufeinander. Ein lautes Klirren. Scherben fliegen zu Boden. Du bist verschwunden. Ich sehe dich nicht mehr. Jetzt bin ich wieder alleine.

Meine Füße tragen mich immer weiter, doch ich bekomme davon kaum etwas mit, denn ich bin in meinen Gedanken versunken. Sie haben mich einfach gepackt und nach draußen vor die Tür geschoben. Wie ich hier reingekommen bin, haben sie mich gefragt. Ich zögerte. „Durch die Tür, so wie jeder andere Mensch auch!“ Eine Frau, kurz geschorene Haare, sodass sie dem Mann neben sich sehr ähnlich sah, ignorierte meine Anmerkung. „Wir brauchen vermehrte Sicherheitskontrollen am Eingang. Das ist diese Woche schon der zweite Fall.“. Daraufhin richtete der Mann das Wort an mich: „Lassen Sie sich hier nie wieder blicken, haben Sie verstanden?“ So wurde ich mitten vor den Eingang des großen Einkaufscenters gestellt. Als die Menschen an mir vorbeiströmten, rümpften sie die Nase, flüsterten etwas zu ihren Freunden und Partnern. Besorgte Mütter schoben ihre Kinder auf die andere Seite, auf die Sichere, als ob von mir die Pest ausginge. Dieses Verhalten war ich schon seit längerer Zeit gewohnt.

Vor mir fahren Autos. Ein schwarzer Audi hupt und überholt einen gelben Fiat. Ich bleibe stehen und blicke den Autos hinterher. Vieles geht schnell vorbei, doch genau dieses Gefühl lässt heute auf sich warten. Die Stunden vergehen in Zeitlupe und der Tag möchte nicht zu Ende gehen. Ein großer Bus fährt an mir vorbei und hält fünf Meter vor mir. Ich entscheide mich einzusteigen und setze mich auf einen freien Platz. Der Bus rollt weiter und Häuserfassaden ziehen an mir vorbei. Ich richte meinen Kopf Richtung Fenster und versuche alles mit meinen Augen aufzunehmen. Die Menschen, die hin und her laufen. Menschen, die ein Ziel verfolgen und einen geregelten Tagesablauf haben. Jeder dieser Menschen wird heute Nacht wissen wo das eigene Bett steht, das Zentrum der Träume. Sie werden sich in ihre Kissen zurücklehnen, die Daunendecken bis zu den Schultern hochziehen und ihre eigene Körperwärme wird sie vor der Kälte schützen. Sie werden einatmen und aus, die Augen schließen und mit ihren Gedanken auf Wanderschaft gehen. Geheimnisvolle Orte, alte Freunde, verflossene Lieben oder manchmal sogar Feinde wieder treffen. Am Morgen werden sie wohl behütet, erholt aufwachen und bereit für einen neuen Tag sein. Sie werden mit neuen Vorsätzen und Zielen versuchen den Träumen entgegen zu gehen und sie sich vielleicht auch erfüllen. Früher dachte ich immer, dass das Leben dazu da wäre sich Träume zu erfüllen. Nach längeren Überlegungen kam ich jedoch zu dem Schluss, dass das ein sehr naives Denken war.

„Ich bitte Sie jetzt auszusteigen.“ Auf meiner Schulter spüre ich eine Hand. „Ich bitte Sie nun meinen Bus zu verlassen. Hier ist Endstation.“ Vor mir steht ein kleiner, rundlich gebauter Mann in Uniform. Mein Blick schweift zu den anderen Fahrgästen, die bereits ausgestiegen sind. Viele beobachten die Szenerie und blicken mich angewidert an. Was ist nur mit dem Mann, der ich einst war, passiert? Ich stehe langsam auf und steige aus, setzte mich auf die nächste Bank und schaue nach links und nach rechts. Links und rechts, vergrabe mein Gesicht in meinen dreckigen Händen und spüre einen Schmerz in meiner Brust. Ich habe Hunger, bin müde, aber vor allem überfällt mich eine tiefe Trauer. Tränen laufen über meine kalten Wangen. Denken denn alle Menschen, dass ich zu solch einem Wesen werden wollte? Mein Körper zittert und ich wünsche mir nichts sehnlicher als das Ende. Komm mich endlich holen und rette mich. Ein Schluchzen befreit sich aus meiner Kehle. Ich will nicht mehr!

Ich weiß nicht wie lange ich auf der Bank saß, als ich ein Knacken hörte. Einen Blick spürte ich auf mir ruhen, sodass ich langsam den Kopf hob. Vor mir stand ein Mann mit einem schwarzen Mantel und seine blauen Augen strahlten in der Dämmerung. Es war ein blau wie der Himmel an schönen Tagen. Blau wie ein ruhiger See. Blau. „Kann ich Ihnen helfen, guter Mann?“ Er lächelte mich an. Eine Träne bahnte sich ihren Weg über mein dreckiges Gesicht und tropfte auf den Stoff, der meine Brust vor der Kälte schützen sollte. Ein lautes Wimmern brach aus mir heraus. Ich wusste, dass es an der Zeit war, fremde Hilfe anzunehmen, wenn ich mich retten wollte. „Ja. Ja, das können Sie.“ Ich stand auf und ging mit ihm. Er wies mir den Weg und ich folgte ihm. Ich folgte den blauen Augen.