Impressionen

Stufe für Stufe

Stufe für Stufe steigen wir die steinerne Treppe hinauf. Wir heben erst das linke und anschließend das rechte Bein. Sachte betten wir unsere Füße auf die harte, kalte Stufe und verlagern gleichmäßig unser Gewicht, blicken nach oben und steigen weiter, Stufe für Stufe hinauf.

Diesen Weg sind schon viele vor uns gegangen. Woran wir das merken? An der leichten Kuhle, die sich über die Jahre im Stein bildete. Wir verharren, grübeln über die vielen Spuren fremder, bereits vergangener Leben. Vorsichtig streifen wir mit den Fingerspitzen über das steinerne Geländer, fühlen die vielen, unzähligen Hebungen und Senkungen, die kleinen Steinkörnchen – Pünktchen – aus der die wunderschöne, architektonisch wertvolle Treppe vor vielen Jahren erbaut wurde. Berühren wir nicht vielleicht sogar mehr als nur Stein? Vielleicht alte Hautpartikel von einem fremden Mann oder einer Frau? Spüren wir nicht die Geschichte, die Zeit, die überall ihre Spuren hinterlässt? Auch hier?

Der Stein ist nass und eine beißende Kühle befällt unsere verletzliche Haut. Wir sind so jung! Was wohl der Stein über unsere naive, unerfahrene Haltung sagen würde? Er, der bereits so viele Jahre auf dem Buckel hat.

Wir drehen uns um und riskieren einen Blick in die verkehrte Richtung, in das was war, in die Vergangenheit. Wir erinnern uns an das Gefühl die erste Stufe berührt zu haben. Wieso sind wir überhaupt hier? Wie sind wir hier hingekommen? Und um alles in der Welt, warum kreisen uns so viele Fragen im Kopf herum?
Unbehagen kommt in uns auf. Wir sollen nicht, nein, wir dürfen keinen Moment verschwenden, denn schon früh sagte man uns, dass Zielstrebigkeit, ein Blick, der vorwärts gewandt, das richtige ist. Schnell drehen wir uns um, unser Kopf hebt sich, unsere Augen suchen das nächste Ziel und unsere Füße führen uns Schritt für Schritt nach oben.

Ohne Fragen, ohne Antworten schreiten wir weiter durch unser Leben, mit der Zeit im Hintergrund. Die Füße gehen zum Tackt der Uhrzeiger, bis wir eines Tages in die Arme des Steines fallen und die Uhren ohne uns weiter laufen.