Buchrezensionen,  Roman

Unrast – Olga Tokarczuks

„Wohin wir auch reisen, wir reisen immer darauf zu. >>Es ist nicht wichtig, wo ich bin.<< Es ist egal, wo ich bin. Ich bin.“

Der Mensch scheint getrieben von einem inneren Feuer zu sein. Er möchte die fremden Kulturen kennenlernen, andere Luft atmen und Düfte riechen. Er möchte Dinge sehen, die er noch nie zuvor mit seinen eigenen Augen wahrgenommen hat. In ihm schlummert eine Sehnsucht ins Unbekannte, Fremde. Der Mensch möchte auf seiner Reise Antworten erlangen, doch ist es überhaupt möglich an ein unbekanntes Ziel zu gelangen?

In Olga Tokarczuks Roman Unrast ist der Mensch, Tourist auf seiner eigenen Reise: Dem Leben. Der Leser erhält Einblicke in unterschiedliche Zeiten und Reisen, die der Mensch antritt. Gesteuert und angetrieben ist er stets durch seinen Drang ans Ziel zu gelangen, das nicht in einem bestimmten Ort zu finden ist, sondern die Reise selbst darstellt. Die Stagnation, das Innehalten, das Verharren ist der Feind, dem der Tourist zu entkommen versucht. Mal ist die Intention des Menschen an Wissen zu gelangen, die Bildung, und ein anderes Mal ist es das pure Entfliehen aus dem eigenen Alltag, der eigenen Heimat.
Viele Kurzgeschichten sind aneinander gereiht, sodass sie in einem ambivalenten Verhältnis zueinander stehen: Auf der einen Seite bilden sie eine Einheit, da sie sich in manchen Themen ergänzen, aber auf der anderen Seite schließen sie sich gegenseitig aus, sodass eine Unrast entsteht. So befinden sich also nicht nur die Protagonisten auf der Suche nach dem Weg in stürmischer Bewegung, sondern auch der Leser, der verzweifelt nach einem Stützpunkt sucht.
Genau in diesem beschriebenen ambivalenten Verhältnis scheine ich zu diesem Roman zu stehen. Es gab Momente, in denen ich Tokarczuks Geschichte, beziehungsweise Geschichten absolut bewundernswert, exzellent beobachtet und beschrieben fand. Dann gab es leider wiederum Passagen, da hatte ich mit meiner Konzentration zu kämpfen. Durch die unglaublich vielen Sprünge wurde mein Erinnerungsvermögen auf eine harte Probe gestellt. Fragen, die mir zeitweilig durch den Kopf kreisten, waren: Moment, wer war nochmal diese Person? Was war 200 Seiten zuvor passiert? Was erfand dieser und jener Wissenschaftler und in welcher Verbindung steht er zu dem Protagonisten in dieser Kurzgeschichte?
Verzweifelt versuchte ich alles in mich aufzunehmen, doch leider vergeblich.

Der Roman ist wie ein kleines Manifest der Reise geschrieben – mit unglaublich viel Wissen, das ich nur leider sehr sporadisch behalten konnte. Zeit ist bei diesen Geschichten wohl ein wichtiger Faktor: Man braucht viel davon, denn um die Unrast aufnehmen zu können, muss der Leser selbst rasten.

In meinen Augen ist das Buch ein kleines Lexikon, in dem man viel markieren kann, um zu gegebener Zeit, Dinge nochmals nachzulesen. Aus diesem Grund kann ich mir auch die Auszeichnung zum Man Booker International Prize 2018 erklären. Doch Freude hatte ich leider nicht allzu viel beim Lesen, daher bin ich auch nicht so euphorisch euch für diesen Roman eine Empfehlung auszusprechen. Er ist absolut intelligent geschrieben, mit viel Wissen, das man sich jedoch mühsam und mit viel Zeitaufwand erlesen muss.

Titel: Unrast
Autor: Olga Tokarczuks
Übersetzer: Esther Kinsky
Verlag: Kampa Verlag
ISBN: 978 3 311 10012 6
Erscheinungsjahr: Februar 2019
Format: Gebunden, 464 Seiten
Preis: 24 €

Erhältlich unter Amazon und Thalia.

Ich bedanke mich recht herzlich beim Kampa Verlag, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Leider habe ich es nicht geschafft, mich beim Lesen komplett fallen zu lassen. Nichts desto trotz, vielen herzlichen Dank!