Buchrezensionen

Mengeles Koffer – Bogdan Musial

„Was ist aus uns geworden? Mein Gott! Mein Gott!“

S. 66

Mit „Mengeles Koffer“ begann mein Lesejahr 2020, und ja, es hätte nicht ernster ausfallen können, und ja, ich entschied mich aus freien Stücken dafür. Den Grund möchte ich euch nachfolgend erläutern:

Josef Mengele, bekannt als einer der gefürchtetsten NS-Mediziner, der im Zweiten Weltkrieg seine Chance ausnutzte und medizinische Versuche an KZ-Häftlingen durchführte. Unterstützung suchte er sich bei jüdischen Häftlingen, die eine ärztliche Ausbildung abgeschlossen hatten. Beobachten, operieren, töten, sezieren. Nach der Befreiung der Konzentrationslager wurden die meisten Dokumente vernichtet, sodass sich nur noch schwer nachverfolgen lässt, was sich tatsächlich in den Behandlungszimmern abspielte. Wissenschaftler trauen sich kaum mehr zu hoffen, dass noch irgendwo verborgene Aufzeichnungen liegen, doch 2014 plötzlich ein kurzer Lichtblick: In einem Schweizer Banksafe sollen sich längst vernichtete Aufzeichnungen eines jüdischen Arzthelfers Mengeles befinden, deren Sperrfrist 2015 ablaufen. Die Enkelin möchte Bogdan Musial die Dokumente für Untersuchungen und Publikationen zur Verfügung stellen. Der Historiker Musial kann seine Chance kaum glauben, stürzt sich in die Forschung und stellt bald darauf fest, dass es sich bei den Dokumenten nur um eine Fälschung handeln kann. Im Verborgenen deckt er so einen der wohl größten Betrüge auf.

Schockierend, erschütternd, ernüchternd. Fassungslosigkeit, Trauer, Wut. Das sind die Worte, die ich mit diesem Buch verbinde. Nein, noch weiter: Das sind die Worte, die ich mit dem Zweiten Weltkrieg und den Massenermordungen in den Konzentrationslagern verbinde. Nein, noch weiter: Das sind die Worte, die ich mit den teilweise verheerenden Wahlergebnissen in Deutschland verbinde. Kann und darf man Geschichte und Gegenwart verbinden? Meiner Meinung nach sollte man es sogar! Vor nicht einmal hundert Jahren wurden Abermillionen Menschen ermordet, weil man behauptete, dass sie „anders“ seien. Sie wurden vergast, erschossen, gequält, für Experimente benutzt. Benutzt wie ein Gegenstand, Erwachsene wie Kinder. Heute gibt es Menschen, die sich auf Kosten derer Lügen ausdenken, damit sie an Prestige und Reichtum gelangen – wie in diesem Buch. Musial sagt dazu:

„Sie spielen damit all jenen in die Hände, die die Erkenntnisse der Forschung zum Nationalsozialismus und insbesondere den Holocaust ohnedies für eine Lüge halten. Bedienen sie sich […] der Geschichten und Erfahrungen realer Opfer, missbrauchen sie diese ein weiteres Mal.“

S. 162

Vor weniger als hundert Jahren passierten Dinge, die für uns Menschen in der heutigen Zeit kaum vorstellbar sind. Schreckliche, unmenschliche Dinge, doch sie sind passiert und genau deswegen sollten wir uns immer wieder damit beschäftigen. Ein Film, ein Buch im Jahr genügt, doch wir dürfen nicht vergessen. Im Alltag, wenn wir Menschen begegnen, aber auch im Wahllokal, wenn wir für unsere politische Zukunft entscheiden, damit wir friedlich, respektvoll und vor allem liebevoll miteinander leben können.

Wenn einem nach Beendigung eines Buches solche Gedanken im Kopf schwirren, war es ein gutes Buch. Die Vergangenheit gilt es nicht zu verdrängen. Sie ist Teil des Menschen. Man muss sie kennen und auf gewisse Weise hinnehmen. Erst so kann man die Zukunft gut gestalten. Wer etwas anderes behauptet, sollte dringend mehr lesen.

Titel: Mengeles Koffer. Eine Spurensuche
Autor: Bogdan Musial
Mitarbeit: Andrea Böltken, Jan Philipp Reemtsma
Verlag: Osburg Verlag
ISBN: 978 3 95510 200 5
Erscheinungsjahr: September 2019
Format: Hardcover mit Schutzumschlag, 240 Seiten
Preis: 24 €

Online in deine Lieblings-Buchhandlung bestellen.

Lieber Osburg Verlag, vielen Dank für dieses Rezensionsexemplar!