Buchrezensionen,  Roman

Kein Teil der Welt – Stefanie de Velasco

Man hat uns gelehrt, dass die Liebe in der Welt so etwas wie ein Liter Milch ist. Sie wird schnell leer, viel eher, als man denkt. Sie wird schnell schlecht, man muss sie zügig aufbrauchen. Die Liebe, hat man uns gelehrt, ist in der Welt wie eine Infektion. Sie macht krank, und wenn man sie nicht früh genug behandelt, bringt sie einen um.

S. 36

Es gibt Bücher, die einen direkt ansprechen. Alles scheint zu passen, sowohl das Aussehen als auch der Inhalt, die Thematik. Dann gibt es wiederum Bücher, vor denen scheut man eher zurück. So erging es mir mit „Kein Teil der Welt“ von Stefanie de Velasco. Ich muss gestehen, dass ich dieses Buch wahrscheinlich niemals gelesen hätte, hätte es nicht an einem Tag plötzlich in meinem Briefkasten gelegen. Schwer und sperrig, nicht so wie einst ein handgeschriebener Brief von den Zeugen Jehovas, die mich herzlich zu einem Gespräch einluden. Die Zeugen Jehovas, ein Thema, vor dem ich eher zurückschrecke. Doch nun lag das Buch bei mir und ich erinnerte mich, dass mich schon häufig Bücher begeistern konnten, die in mir erst große Abneigung hervorriefen. Vorurteile. Eines der schlechtesten Eigenschaften des Menschen. Ich las das Buch und soll ich euch etwas verraten? Es begeisterte mich!

„Kein Teil der Welt“ erzählt die Geschichte der jungen Esther, die in der Glaubensgemeinschaft der Zeugen Jehovas aufwächst. Sie lernt mindestens dreimal am Tag zu Jehova zu beten und den Glauben von Haus zu Haus weiterzutragen, um so die Menschen vor dem Unheil zu bewahren. Nachdem Esther mit ihren Eltern in ein ostdeutsches Dorf zieht und dort dem Verschwinden ihrer besten Freundin Sulamith nachgeht, stellt sie mehr und mehr ihr bisheriges Leben und den Glauben an Jehova in Frage. Protest wird getrieben von der unbändigen Liebe zu Sulamith und findet Linderung in der Freiheit und der Akzeptanz.

Akzeptanz. Dieses Wort beschreibt für mein Dafürhalten dieses Buch ganz gut. Man versucht mithilfe von Kommunikation einen Menschen zu verstehen und sich in ihn hineinzuversetzen. Dann setzt der Kopf ein und man bildet sich seine eigene Meinung. In diesem Buch habe ich zum ersten Mal aus Sicht der Zeugen Jehovas gedacht. Ich habe das Gefühl, sie als Menschen kennengelernt zu haben und konnte mir so eine eigene Meinung bilden. Sie sind ein Teil von dieser Welt, auf der wir zusammen leben, aber kein Teil der Welt in der wir „Weltmenschen“ – so nennen uns die Zeugen Jehovas – denken und glauben. Genau das lernt der Leser nochmals durch diesen Roman zu akzeptieren, was ich unglaublich spannend zu beobachten fand.

Was dieses Buch auszeichnet, ist, dass der Leser aufgefordert wird zu denken, zu hinterfragen und auf wunderbar spannende und gefühlvolle Weise seinen Horizont zu erweitern. Man beendet diese Geschichte schlauer und genau das ist, was ein gutes Buch auszeichnet.

Titel: Kein Teil der Welt
Autor: Stefanie de Velasco
Verlag: Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978 3 462 05043 1
Erscheinungsjahr: Oktober 2019
Format: Hardcover mit Schutzumschlag, 432 Seiten
Preis: 22€

Erhältlich unter Thalia.

Lieber KiWi Verlag, vielen Dank für dieses schöne überraschende Rezensionsexemplar!