Buchrezensionen,  Roman

Frau im Dunkeln – Elena Ferrante

Manchmal begeht man Taten, die im Nachhinein, auch für einen selbst, unerklärlich sind. Man betrachtet sich im Spiegel und erkennt sich nicht wieder. Warum habe ich so gehandelt? Warum fühle ich mich, trotz des Wissens anderen Leid zugefügt zu haben, gut? Ist es Genugtuung?

Leda, eine siebenundvierzig jährige Anglistikdozentin und Mutter – ihre zwei erwachsenen Töchter sind bereits ausgezogen – beschließt ihren Sommer allein an einer süditalienischen Küste zu verbringen. Jeden Tag fährt sie mit Büchern und Hausarbeiten ihrer Studenten an den Strand, um die Sonne und das Meer zu genießen. Alles scheint auf einen erholsamen Urlaub hinzudeuten, bis eine italienische Großfamilie ihre Ruhe stört. Eine junge Mutter mit ihrem Kind zieht vor allem Ledas Aufmerksamkeit an sich. Durch kurze Gespräche und intensive Beobachtungen baut Leda eine Beziehung zu ihr auf, die sie zu einer nicht nachvollziehbaren Tat verleitet.

Elena Ferrante erzählt in Frau im Dunkeln eine Geschichte, die der Frage, nach den Aufgaben einer Mutter, nachgeht. Wie kann man es schaffen, trotz wenig Freizeit, sich als Frau nicht selbst zu verlieren? Die anfänglich perfekte Leda wird nach und nach zu einer Frau, die in ihrem Leben – vor allem als allein erziehende Mutter – viele „Kriege“ zu kämpfen hatte. Durch die Rückblicke in ihre eigene Vergangenheit wird dem Leser aufgezeigt, warum Leda die Tat wohlmöglich begangen hat. Dem Leser wird die Aufgabe zuteil, sich in die Situation hinein zu fühlen und die getroffenen Entscheidungen zu verstehen. So entsteht eine Geschichte voller Anziehung, Reue, Verachtung, Hingabe und im letzten Moment sogar der Akzeptanz.

Mir hat der Roman gut gefallen, da ich es sehr spannend fand zu beobachten, zu welch skurrilen Taten sich der Mensch verleiten lässt. Die Vergangenheit ist Teil unseres Wesens und genau das stellt Ferrante hier ausgezeichnet dar. Am Anfang sieht man eine gebildete hübsche Frau, die stark und unverletzlich wirkt. Doch am Ende sieht man eine Frau, man kennt Leda mit all ihren Fehlern – sie wird im Laufe der Geschichte zu einem Menschen.

Ferrante teilt mit ihrer glasklaren Art Worte einzusetzen, das Leben einer Frau, die trotz ihrer Fehler vom Leser gemocht wird. Hoch psychologisch und sehr feinfühlig.

Titel: Frau im Dunkeln
Autor: Elena Ferrante
Übersetzer: Anja Nattefort
Verlag: Suhrkamp Verlag
ISBN: 978 3 518 42870 2
Erscheinungsjahr: Februar 2019
Format: Gebunden mit Schutzumschlag, 188 Seiten
Preis: 22 €

Erhältlich unter Amazon und Thalia.

Ich möchte mich ganz herzliche beim Suhrkamp Verlag bedanken, der mir Frau im Dunkeln als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Es war mir eine Freude es zu lesen. Vielen Dank!