Buchrezensionen

Ein Tag im Sommer – J. L. Carr

Die Kleinstadt Great Minden liegt im ländlichen Teil von Großbritannien in morgendlicher Sommerröte und blickt ruhig und doch voller Erwartung dem Tag entgegen. Der Zweite Weltkrieg ist überstanden und es herrscht Hoffnung und Mut. Endlich ist der Tag des großen Jahrmarktes gekommen, der viel Freude und Ablenkung des ansonsten routinierten und eng getakteten Alltags verspricht. Die Stadt erwacht zum Leben und erledigt die letzten Vorbereitungen für den Abend, als der erste Zug an diesem Tag in den Bahnhof einfährt. Unter den Passagieren befindet sich auch Peplow, der angereist ist, um sich an einem feiernden Anwohner zu rächen – an dem Mann, der für den Tod seines Sohnes die Schuld trägt.
Eine Geschichte, die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an einem Tag zusammenfließen lässt, Vorhaben durchkreuzt und am Ende drei Leben auslöscht und mit einem neuen beginnt.

Hinter Ein Tag im Sommer steht ein Autor, der es weiß, wie man den Leser unterhält und ihn in pure Begeisterung versetzen kann. J. L. Carrs Bücher sind ein Paradebeispiel für gut strukturierte Texte und Sätze, die mit Worten und dem Leser spielen. Greift er doch nach ernsthaften und traurigen Themen, wie hier den Verlust eines Sohnes und die daraus resultierende Verzweiflung von liebenden, zurückgebliebenen Eltern, weiß Carr dennoch Charaktere in die Geschichte einfließen zu lassen, die auf überaus charmante Weise der Handlung die Melancholie entziehen. Ein wunderbares Beispiel ist hierfür die Einleitung des zweiten Kapitels Nachmittag:

“Die Gesichter blickten dem Nachmittag entgegen. Das von Edward Bellenger war so unbeweglich, wie es bald im Tod sein würde, als wäre eine Jalousie vor seinem Geist heruntergelassen, der tiefer und tiefer in den Erinnerungen an einen vergangenen Sommer wühlte.”

S. 137

Oder weiter:

“Croser: ein Essensfleck von seinem Mittagsimbiss verlieh seinen Zügen eine gewisse Struktur, seinem unschlüssigen, ungenügend für seine wachsenden Probleme ausgestatteten Gesicht.”

S. 137

Carr ist ein Meister der Vergleiche und erweckt im Leser, durch seine feinen Beobachtungen und Beschreibungen, eine große Sympathie für seine Werke. Jeder Charakter ist einzigartig, speziell und raffiniert entwickelt. Durch das Spiel der Tageszeiten, das sich durch feinfühlige Naturbeschreibungen auszeichnet, wird der Kreis geschlossen: Peplow reist am Morgen mit der “frühmorgendliche[n] Dunkelheit” (S. 9) an und am Ende des Tages mit “funkelnde[m] Sternenhimmel” (S. 300) wieder ab.

Gerade diese feinen Details lassen den Leser innehalten. Es wirkt unglaublich authentisch, sodass einem am Ende der Atem stockt. Nicht vor Aufregung, sondern aufgrund der Reinheit der Worte und dem kompletten Bild, das sich mit der letzten Seite des Buches ergibt.

Ein Tag im Sommer ist ein Buch, zu dem ich immer wieder greifen werde, da es ab der ersten bis zur letzten Seite alles mitbringt, was ein exzellentes Buch braucht: Einfach großartig!

Titel: Ein Tag im Sommer
Autor: J. L. Carr
Übersetzer: Monika Köpfer
Verlag: Dumont Verlag
ISBN: 978 3 8321 9889 3
Erscheinungsjahr: April 2018
Format: Hardcover, 304 Seiten
Preis: 22 €