Buchrezensionen,  Klassiker

Dubliner – James Joyce

Vor mittlerweile vier Jahren saß ich in meiner ersten Komparatistik Vorlesung und lauschte dem Dozenten, der in höchsten Tönen und mit einer mitreißenden Euphorie über die Epoche der Avantgarde sprach. Der Anfang des 20. Jahrhunderts war mir durchaus, durch vereinzelte Texte, bekannt – ich denke an Joseph Roth und Franz Kafka –, doch die Spannbreite, die die Avantgarde mit ihren Ismen bereithält, war mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht bewusst. Von Vorlesung zu Vorlesung wurde ich immer nervöser, da sich vor mir eine neue Welt eröffnete, die mich begeisterte.

Ich wollte mehr zum Futurismus, Dadaismus und Expressionismus wissen. Für was zeichnen sich die Impressionisten oder Naturalisten aus? Der Name James Joyce fiel häufig und sein Werk „Ulysses“ wurde dabei immer wieder genannt. Als ich den Text jedoch in den Händen hielt, bemerkte ich schnell, dass er nichts für Anfänger ist – ich musste ihn daher beiseite legen. All die Jahre war James Joyce für mich ein Mysterium, doch mit „Dubliner“ gewann ich endlich ein eigenes Bild von ihm.

In „Dubliner“ erhält der Leser Einblick in fünfzehn Leben. Der Lebensmittelpunkt der Protagonisten liegt im Herzen Dublins, mit all seinen dunklen Seiten. Man lernt träumende junge Menschen kennen, Säufer, gescheiterte Künstler, die vergeblich dem Durchbruch nacheifern und Lügner, die sich einzig für das eigene Wohl interessieren.

Alle schlechten Charaktere werden dargestellt und doch hat man als Leser nie das Gefühl, dass die Menschen für die Sünden aufkommen müssen, da alles Übel der Stadt verschuldet ist. Eine Stadt, die ruhig und unschuldig ihre Wege für die Menschen bereithält, doch als Gegenleistung das Glück einfordert und dem Menschen nur noch das Unglück überlässt. Sie zieht ihn immer tiefer in ein Labyrinth, schickt ihn zu den Irrwegen und lässt niemanden dabei entkommen. Dublin beraubt den Menschen und gewehrt ihm eine einzige positive Charaktereigenschaft: Das Hoffen.

„Dublin ist so eine kleine Stadt: Jeder weiß über jeden Bescheid.“

S. 109

Auch der Leser weiß nach Beendigung des Buches über jeden Bescheid und doch wieder nicht. Er empfindet Sympathie für die Protagonisten und doch wieder nicht. Man hat gespaltene Gefühle und doch wieder nicht, weil man etwas ganz genau weiß: „Dubliner“ ist ein grandioses Buch, das durch seine Einfachheit der Geschichten überzeugt, durch die normalen Menschen, durch das unaufgeregte – doch manchmal wirre – Leben in einer Stadt.

„Dubliner“ ist der perfekte Einstieg in die Welt von James Joyce und außerdem in das Universum der Avantgarde.

Titel: Dubliner
Autor: James Joyce
Übersetzer: Friedhelm Rathjen
Verlag: Manesse Verlag
ISBN: 978 3 7175 2472 4
Erscheinungsjahr: September 2019
Format: Hardcover mit Schutzumschlag, 448 Seiten
Preis: 24 €

Erhältlich unter Thalia.

Lieber Manesse Verlag, ganz herzlich möchte ich mich für dieses wunderschöne Rezensionsexemplar bedanken. Es war mir eine sehr große Freude “Dubliner” zu lesen und zu rezensieren. Des Weiteren möchte ich mich für die grandiose Buchvorstellung auf der Frankfurter Buchmesse bedanken. Die Leidenschaft, die Sie zu Ihren Büchern haben, ist unglaublich ansteckend!