Buchrezensionen,  Roman

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt – Peter Stamm

Wenn man plötzlich vor dem eigenen älteren, weiseren Ich stehen würde, es einem die Zukunft vorhersagt und einen bittet diesen oder jenen Fehler nicht noch einmal zu begehen, würde man auf das Ich hören? Würde man das Leben nach dem Wissen des älteren Ichs richten?

In Stockholm trifft Christoph die junge Lena, die seiner Ex-Freundin nicht nur vom Aussehen ähnelt, sondern auch vom Charakter, vom bisherigen Lebenslauf. Sie ist mit einem jungen Mann liiert, der wiederum dem damaligen Christoph in Aussehen und Charakter gleicht. Christoph stellt seinem jungen Ich nach und versucht mit ihm in Kontakt zu treten, damit sein junges Ich nicht nochmal die gleichen Fehler im Leben begeht. Das junge Ich erkennt jedoch die Gemeinsamkeiten nicht und lehnt den Rat ab. In Lena sieht Christoph nun die einzige Rettung für sein junges Ich und legt Lena daher die Zukunft dar, damit sie anders handeln kann. Was folgt ist eine Geschichte aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Trotz des Wissens, des jungen Ichs und Lena, wie die Beziehung der beiden endet, scheint die Zukunft nicht änderbar zu sein. Die Zeiten fließen ohne Halt ineinander.

In Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt wird dem Leser der Peter Stamm geboten, der von seiner Leserschaft so sehr geliebt und geschätzt wird. Er geht der Frage nach, ob man ein anderer Mensch geworden wäre, wenn man nur das Ende gewusst hätte. Hätte man versucht jemand anderes zu sein? Hätte man seinen Instinkten, seinen Gefühlen nicht mehr vertraut und absichtlich anders gehandelt? Kann der Mensch sich überhaupt seinem Schicksal entreißen oder ist er der sanften Gleichgültigkeit der Welt in Gänze ausgeliefert? Ist der Mensch vielleicht sogar auf der Welt, um genau diese Fehler zu begehen?
Wahrscheinlich stand schon jeder einmal vor einer dieser Fragen im Leben. Viele haben sich bestimmt schon einmal überlegt, ob es für die Zukunft besser gewesen wäre, wenn man sich bei manchen Dingen mehr Mühe gegeben hätte.
Aber würde sich denn wirklich etwas an einem selbst ändern? Wäre das Leben wirklich so anders verlaufen? Muss man nicht vielleicht irgendwann akzeptieren, dass man genau so ist und man sich nicht ändern kann, egal wie häufig man einen Lebensabschnitt leben könnte?

Mit 160 Seiten ist dieser Roman zwar nicht der wortreichste, doch wie häufig es bei kurzen Romanen der Fall ist, steht viel zwischen den Zeilen. Der Leser ist aufgefordert selbst aktiv zu werden und für sich eine Antwort zu finden. Ich denke, dass es hier keine einzige Interpretationsmöglichkeit gibt, denn hier verhält es sich wie in der Philosophie: Nichts ist richtig, nichts ist falsch, denn spätestens bei der Wahrheitsfrage – bei der Wirklichkeit – scheiden sich die Geister.

Für mich sind die Romane von Peter Stamm immer eine schöne Abwechslung, die ich jedoch nicht zu jeder Zeit lesen kann. Er schafft es – wenn man sich nur genug Ruhe und Zeit nimmt – den Leser nach innen zu kehren. Er regt den Leser zum Nachdenken an. Daher empfehle ich dieses Buch für ruhige Stunden, in denen man auch gewillt ist, vielleicht sogar über das eigene Leben nachzudenken. Es kann sehr spannend und vielleicht auch aufschlussreich sein.

Titel: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
Autor: Peter Stamm
Verlag: S. Fischer Verlag
ISBN: 978 3 10 397259 7
Erscheinungsjahr: Februar 2018
Format: Hardcover mit Schutzumschlag, 160 Seiten
Preis: 20 €

Erhältlich unter Amazon und Thalia.

Ich möchte mich ganz herzlich bei dem S. Fischer Verlag bedanken, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Es war mir eine große Freude Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt zu lesen und zu rezensieren. Vielen Dank!