Buchrezensionen

Die Kunst zu verlieren – Alice Zeniter

„Was sich nicht vererbt, verliert sich, das ist alles. Du kommst von hier, aber es ist nicht dein Zuhause.“

Angenommen man wird in einem Land geboren, in das die Eltern vor vielen Jahren geflohen sind. Welche Nationalität hat man? Welches ist das Heimatland und wo ist man Zuhause?

Nïmas Eltern können unterschiedlicher nicht sein: Ihr Vater hat dunkle Haut und einen Afro. Ihre Mutter hat schneeweiße Haut und kurze blonde Haare. Die eine Hälfte der Familie – mütterlicherseits – wohnt seit Generationen in Frankreich, wohingegen die andere Hälfte – väterlicherseits – erst vor einigen Jahren von Algerien nach Frankreich geflohen ist. Ihre Großeltern können weder schreiben noch lesen, und auch die französische Sprache stellt noch nach vielen Jahren eine Herausforderung dar. Warum sie Algerien verlassen mussten, bleibt für Naïma ungewiss. Ihr Vater möchte weder über Algerien ein Wort verlieren, noch eines hören, sodass sie sich selbst auf die Suche nach ihren Wurzeln begeben muss. Sie taucht in die Geschichte eines für sie fremden Landes ein und versucht zu ergründen, wer sie ist und wo ihre Heimat liegt. In Algerien oder doch in Frankreich, wo sie geboren und aufgewachsen ist?

Alice Zeniter beschreibt in Die Kunst zu verlieren einen inneren Konflikt, mit dem so viele Menschen zu kämpfen haben: Dem Konflikt der Heimatsuche.
Der Roman ist in drei Teile gegliedert, die chronologisch die Familiengeschichte aufarbeiten. Zu Beginn wird das Leben von Naïmas Großvater bespiegelt. Sein Reichtum in Algerien entwickelt sich in Frankreich zu Armut. Sein Sohn Hamid – Naïmas Vater – beobachtet diese Entwicklung und versucht im zweiten Teil dafür zu arbeiten, dass ihm solch ein Schicksal nicht widerfährt. Er lernt viel und integriert sich in die französische Kultur, sodass er auch seine zukünftige Frau kennenlernen kann. Im dritten Teil verarbeitet Naïma all ihre Gedanken und bereitet sich auf eine Reise zu ihren Wurzeln vor: Nach Algerien.
Der Leser bekommt auf der einen Seite viel geschichtliches Wissen übermittelt und auf der anderen ein Spektrum an Gefühlen: Dem Konflikt mit sich selbst.

Es hat einige Seiten gedauert bis mich der Roman, bis mich Naïmas Familiengeschichte fesseln konnte. Mir fiel es anfangs sehr schwer in das Geschehen hineinzufinden und eine Verbindung zu der Familie aufzubauen, da es sehr historisch gehalten ist. Gegen Mitte zog sie mich hingegen in ihren Bann. Sie berührte mich. Man lernt mit der Zeit die Protagonisten lieben und möchte in vielen Momenten eingreifen und helfen.

Die Kunst zu verlieren regt zum Nachdenken an und sollte gelesen werden, um vielleicht vorhandene Vorurteile gegen Flüchtlinge und Ausländer zu beseitigen. In Deutschland scheinen viele Menschen zu vergessen, dass wir alle Gefühle haben und uns in nichts als der Kultur unterscheiden. Wer dies hin und wieder vergessen sollte, möge bitte einen Blick in dieses Buch werfen, denn vielleicht verschafft es etwas Klarheit in den Gedanken.

Ein sehr intelligenter, nachdenklicher und berührender Roman.

Titel: Die Kunst zu verlieren
Autor: Alice Zeniter
Übersetzer: Hainer Kober
Verlag: Berlin Verlag
ISBN: 978 3 8270 1373 6
Erscheinungsjahr: Februar 2019
Format: Hardcover mit Schutzumschlag, 560 Seiten
Preis: 25 €

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Ich möchte mich ganz herzlich beim Piper Verlag für dieses Rezensionsexemplar bedanken. Es war ein überaus inspirierender Roman, der mich sehr zum Nachdenken angeregt hat. Dankeschön!