Buchrezensionen

Das Haus in der Mango Street – Sandra Cisneros

Ein Buch gewidmet an die Frauen – a las mujeres. An Frauen mit Vergangenheit. An Frauen, die in die Zukunft blicken und ein bisschen zu träumen wagen. An alle Frauen, die sich manchmal allein und angreifbar fühlen und doch im nächsten Moment vor Stärke strahlen. An ganz genau diese Frauen richten sich die Geschichten von Sandra Cisneros. Die Geschichten, die sowohl in der Mango Street entspringen als auch im tiefen Herzen, im Kern der Straße münden. Hier steht Das Haus in der Mango Street und ganz genau hier fließen die Geschichten der Frauen zusammen.

Auf den ersten Seiten leitet die Autorin ihre kurzen Geschichten mit einem Vorwort ein, indem sie auf knapp 30 Seiten die Beweggründe dieses Buches aufzeigt und kurze Abschnitte ihres Lebens bespiegelt. Bereits hier bemerkt der Leser, wie sensibel Cisneros ihre Worte wählt und ihre eigenen Gefühle mit einfließen lässt. Nach dem Vorwort folgen kleine Geschichten, die teilweise nur jeweils eine Seite füllen. Cisneros verfolgt das Ziel mit kompakten, kleinen Geschichten jeden Menschen abzuholen, zu berühren und zum Lesen zu animieren. Ihre wohl wichtigste Intention, die sich hinter dieser Form verbirgt, ist allerdings, dass man das Buch auf jeder Seite aufschlagen und auch wieder schließen kann. Einfache Worte und eine leicht verständliche Sprache machen dies außerdem möglich.

Bereits während ich das Vorwort las, spürte ich, wie die Sympathie zur Autorin wuchs. Ich hatte noch nie zuvor solch ein persönliches und emotionales Vorwort gelesen, da ich auch eigentlich nicht ein ganz so großer Freund von persönlichen Vor- beziehungsweise Nachworten bin, doch hier konnte es mich begeistern. Weder Kitsch noch Pathos ziehen sich durch die Zeilen. Man spürt stattdessen den Menschen hinter den Worten, der selbst zerbrechlich ist, aber dem Leser genau diese Zerbrechlichkeit nehmen möchte. Dies gelingt Cisneros indem sie immer wieder eine Botschaft teilt: Wir Menschen sind gleich und haben häufig die gleichen Probleme, Ängste oder gar Vorurteile.

Die Geschichten habe ich wahllos gelesen, so wie sie eben den Weg zu mir gefunden haben. Diese Lesensweise ermöglichte mir durch die Mango Street zu schlendern, auch einmal länger zu verweilen oder an einen Ort zurückzukehren, den ich schon kannte – wie ein kleiner Spaziergang, den man nicht mehr vergisst, da er zugleich berührt und schockiert, irgendwie menschlich ist. Es sind Geschichten voller Wärme und Sehnsucht, daher möchte ich euch das Buch gerne empfehlen.

Titel: Das Haus in der Mango Street
Autor: Sandra Cisneros
Übersetzer: Gerd Burger
Verlag: Gatsby
ISBN: 978 3 311 24004 4
Erscheinungsjahr: Oktober 2020
Format: Leinen, 160 Seiten
Preis: 18 €