Buchrezensionen,  Roman

An den Mauern des Paradieses – Martin Schneitewind

Was ist wahr? Was ist gelogen? Der Leser steht nach Beendigung des Buches vor vielen Fragen, die ihn nicht mehr loslassen.

David Ostrich ist ein bekannter Forscher aus Toronto, der am Persischen Golf den Spuren der Genesis folgt. Bereits bei den ersten Versuchen bemerkt er, dass ihn kein Weg an Thaut – Leiter eines großen Bauprojektes – vorbei führen wird. Thaut ist ihm gewillt zu helfen und ihm in seinen Forschungen nicht im Wege zu stehen, unter der Bedingung, dass Ostrich Thauts verschwundene Tochter wiederfindet. Ostrich wird während der Suche in die Geschichten der Anwohner der kleinen Stadt gezogen und von Rätsel zu Rätsel geführt. Bald steht er nicht nur vor der Legende der Genesis, sondern auch vor den Mythen der Menschheit, an den Mauern des Paradieses.

Bereits ab der ersten Seite wird der Leser in das wunderbar konzipierte Werk von Martin Schneitewind gezogen. Jedes Wort steht am richtigen Platz und bietet ein großes Lesevergnügen, da Sarkasmus auf Kritik stößt und sich mit der Schöpfungsgeschichte, der Genesis vereint. Der Protagonist Ostrich verwickelt bereits früh Anwohner in intensive Gespräche, die er von seinem Wissen teilhaben lässt und so auch den Leser. Viele Fragen kreisen einem durch den Kopf, die lange unbeantwortet bleiben, doch das ist nicht störend. Im Gegenteil, es spornt den Leser an sich weiter auf die Geschichte einzulassen und treibt ihn so immer tiefer in die Skurrilität des Mensch-Seins.

An den Mauern des Paradieses ist kein Roman bei dem man sich entspannt zurücklehnen kann. Hier muss man wach sein. Zum einen dafür, dass man der Komplexität der Geschichte Stand halten kann, aber zum anderen auch damit man die Genialität dieses Werkes erkennt. Es macht Spaß zu beobachten, wie sich der Nebel langsam lichtet und die Erkenntnis eintritt. Phasenweise erinnern mich die Spaziergänge an die so schön beschriebenen von Robert Walser. Auch hier unglaublich intensiv zu beobachten und einprägsam.

Während des Lesens wird man von einem Rätsel ins nächste getrieben. Doch auch nach Beendigung steht man vor einem: Ist dieser Roman tatsächlich von dem bisher unbekannten Martin Schneitewind geschrieben? Oder haben sich die bereits bekannten und hoch gelobten österreichischen Schriftsteller Micheal Köhlmeier und Raoul Schrott mit der Literaturwelt einen Spaß gemacht und es zusammen geschrieben? Ist Michael Schneitewind vielleicht nur ein Pseudonym der beiden? Vieles deutet tatsächlich drauf hin. Kritiker stellen genau diese Frage in den Fokus und vergessen leider dabei häufig, wie großartig dieser Roman ist und schenken dem Inhalt nicht die nötige Beachtung. Der kleine Spaß der beiden Schriftsteller – wenn es denn dann einer ist – wertet das Buch in meinen Augen nochmal auf, aber legt den Inhalt in keiner Weise in den Schatten. Das Gesamtkunstwerk ist genial, daher gibt es von mir eine Empfehlung.

Titel: An den Mauern des Paradieses
Autor: Martin Schneitewind
Übersetzer: Raoul Schrott
Verlag: dtv Verlagsgesellschaft
ISBN: 978 3 423 28187 4 
Erscheinungsjahr: März 2019
Format: Hardcover mit Schutzumschlag, 400 Seiten
Preis: 24 €

Erhältlich unter Amazon und Thalia.

Ein ganz großes Dankeschön geht an den dtv Verlag, der mir diesen Roman als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.