Blog

Zurück zu den Worten. Zurück zur Lyrik

Um Mitternacht, am 01.01.2020, flogen die Raketen in die Luft und begrüßten das neue Jahr, das neue Jahrzehnt. Die Nacht wurde für einen kurzen Moment zum Tag. Ich blickte in den Himmel und fragte mich, was wohl die 20er Jahre bereithalten würden. Meine Euphorie hielt sich jedoch in Grenzen, denn ich wusste, dass ein paar schwierige Monate vor mir lagen. Bereits im Sommer 2019 spürte ich, wie mein Atem immer dünner wurde. Ich drehte mich im Kreis. Immer und immer wieder. Doch ich versuchte mein Gefühl zu verdrängen, bis ich an einem Punkt angelangt war, an dem es nicht mehr ging. Das Lesen und das Schreiben fielen mir schwer. Ich brauchte Distanz zur Bücherwelt und das schaffte ich nur, in dem ich mich auch hier, auf meinen Social Media Kanälen, zurückzog.

Bereits die ersten Tage der Pause erzielten ihre Wirkung: Ich verspürte den Drang zu schreiben. Ein Roman wurde geplant, Kurzgeschichten geschrieben und am Ende alles wieder verworfen. Keiner meiner Sätze beschrieb annähernd das, was ich sagen wollte – ein Gefühl, das mich bereits bei der Entstehung meines ersten Romans beschlich. Meine Verzweiflung wurde irgendwann von einer langen Phase der Selbstreflexion ersetzt, die mich letztendlich, durch eine Reihe von Zufällen, wieder zur Lyrik trieb. Lyrik, die mich vor vielen Jahren dem geschriebenen Wort näherbrachte. Es war, wie nach Hause kommen.

Als ich Neujahr in den Himmel blickte, dachte ich nicht, dass ich für die Erkenntnis, dass die lyrischen Worte, auch meine Worte seien, vier Monate brauchte. Als ich Neujahr in den Himmel blickte, dachte ich jedoch außerdem nicht, dass sich die gesamte Welt in wenigen Wochen in solch einer prekären Situation befinden und uns Menschen zum absoluten Stillstand zwingen würde. 2020 ist ein Jahr, das man wohl niemals vergessen wird. In den vergangenen Tagen habe ich häufig in den rosa geschmückten Himmel geblickt, während er auf mich niederregnete und ich ihn versuchte aufzufangen. Ich dachte an die vielen Menschen, die an dem Corona Virus leiden und hoffe, dass es ihnen bald besser geht. Ich dachte aber auch an die Krisen, die uns noch bevorstehen. An den Klimawandel, der uns von Jahr zu Jahr einholen wird.

Ich dachte aber auch an unsere derzeitige Stärke, die wir aufbringen, um Mitmenschen zu helfen. Aus einer Gesellschaft, die von „Ich, Ich, Ich“ getrieben war, ist ein großes Wir entstanden. Wir können unglaublich viel aus dieser Zeit lernen. Mit ein bisschen Ruhe und Selbstreflexion wird jeder wissen, wie er etwas Gutes zu dieser Welt beitragen kann. Alles was man liebt, sollte gepflegt werden – das ist nun wichtiger denn je.