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Weihnachten wie jedes Jahr?

Neben mir leuchtet mein Handy. Eine neue Nachricht von meinem Vater: “Oma fragt, ob es dieses Jahr wieder eine Weihnachtsgeschichte von dir geben wird. Wenn ja, möchte sie gerne ein Exemplar haben.” Ich starre auf das Buch, das vor mir auf meinem Schoß liegt. Wir haben Ende Oktober. Die erste Uniwoche hat gerade begonnen. Mein Herz rast und ich bemerke, wie ich nervös werde. Ich entsperre den Bildschirm und tippe schnell: “Nein, dieses Jahr nicht. Ist mir zu stressig”, und halte meinen Daumen über den Sendepfeil. Doch irgendetwas hält mich zurück. Ich kann die Nachricht nicht abschicken und lösche sie stattdessen.

Ob ich eine Geschichte schreiben werde? In meiner Brust wird es langsam warm, doch ich versuche die Frage zu verdrängen. Zu viele Dinge sind bis Weihnachten zu erledigen. Zu viele Dinge schwirren in meinem Kopf.

Am Abend tippe ich die Worte “Vielleicht. Ich muss schauen, ob ich die Zeit finde. Aber wenn, dann werde ich sie ihr schicken”, und drücke auf senden.

Tage vergehen, die Bäume werden immer kahler und der erste Frost legt sich auf die Straßen. Ich spüre, dass der Winter naht, Weihnachten und mit Weihnachten die Frage, die mich immer nervöser werden lässt. Eine Weihnachtsgeschichte in einem Jahr, das geprägt von Unsicherheit ist? Eine Weihnachtsgeschichte in einem Jahr, das wohlmöglich kein richtiges Weihnachtsfest haben wird?  

Ich zünde an meinem Adventskranz die dritte Kerze an. Im Internet verfolge ich die Nachrichten zum heute vereinbarten “Harten-Shutdown”. Sehe die Infektionszahlen, die mich beunruhigen. Irgendwie fühlt sich in diesem Jahr die Adventszeit anders an. Anders, aber dennoch weihnachtlich. Irgendwie. Ich beobachte das Kerzenlicht, das sich an der Wand spiegelt und gehe in Gedanken die Geschenke durch, die ich bereits gekauft habe. Überlege, wen ich wohl dieses Jahr persönlich beschenken werde. Wem kann ich überhaupt persönlich ein Geschenk überreichen? Eine Frage, die ich mir zuvor noch nie gestellt habe. In diesem Jahr scheint vieles neu zu sein.

Nur noch elf Tage, dann ist Weihnachten und ich weiß immer noch nicht mit Gewissheit, wie ich die Weihnachtstage verbringen werde. Tage, die doch sonst immer gleich ablaufen: Das Essen und Trinken, der geschmückte Baum und meine liebsten Menschen um mich herum.

Ich ziehe meine Winterjacke an, schnüre meine Schuhe fest zu und gehe mit meinem Hund an der Leine nach draußen in die Dunkelheit. Wir gehen an den festlich geschmückten, hell beleuchteten Häusern vorbei. So wie in jedem Jahr, denke ich. Wie in jedem Jahr zur Weihnachtszeit. Und da verstehe ich plötzlich und ich weiß, was ich dieses Jahr meiner Oma sagen möchte. Zusammen mit meinem Hund laufe ich die Straße entlang – er glücklicher denn je, da er endlich neben mir her hechten darf -, zurück nach Hause. Ich weiß, was ich zu erzählen habe, Oma, denke ich laut in mir.

Was ist Weihnachten? Für mich ist Weihnachten ein Gefühl, das sich über viele Jahre, durch viele vergangene Weihnachtsfeste, von Generation zu Generation weitergegebene Traditionen, entwickelt hat. Ein Gefühl, das sich warm anfühlt. Geborgen und sicher. Ein Gefühl, das man teilen möchte:  

Ich sehe meine Familie unter dem Weihnachtsbaum. Spüre die Aufregung beim Verschenken von Päckchen und die Hoffnung ein Lächeln als Geschenk zurück zu bekommen. Das Wetteifern mit meinen Geschwistern, wer lauter und höher “All I want for Christmas is you” quietschen kann, zum Leid aller Anwesenden. Der Tumult, der herrscht, bevor die gesamte Familie bereit zum weihnachtlichen Kirchenbesuch ist. Der Moment, in dem das Licht in der Kirche gedimmt und “Stille Nacht” gesungen wird – und ich jedes Jahr aufs neue mit den Tränen kämpfe. Jedes Jahr das gleiche leckere Essen und Trinken. Das Feuer im Kamin und die besinnliche Musik im Hintergrund. Das ist Weihnachten, so wie ich es kenne und liebe. Und so ist der Gedanke daran, dass wir dieses Jahr Traditionen brechen und Weihnachten anders feiern werden, mit Wehmut verbunden und hat mich lange Zeit traurig gemacht. Das ist Weihnachten, wie ich es in Gedanken sehe. Die Bilder meiner Erinnerung. Gewissermaßen Momentaufnahmen. Doch Weihnachten ist soviel mehr als das: Ein Gefühl, das ich mit einem ganz besonderen Duft verbinde:

In meiner Kindheit, bevor das Christkind kam, wurden meine Geschwister und ich in unsere Kinderzimmer geschickt, bis das Glöckchen klingelte. Ich war immer unglaublich aufgeregt und schaute aus meinem Fenster hinaus in die Dunkelheit, in der Hoffnung einen Blick auf das Christkind erhaschen zu können. Leise öffnete ich das Fenster und lehnt mich leicht nach draußen. Da sah ich die geschmückten Häuser und stellte mir vor, wie andere Familien, hinter den beleuchteten Fenstern, ebenfalls Weihnachten feierten. Der Wind blies mir meine sorgfältig frisierten Haare ins Gesicht und trieb mir den Duft vom Heiligenabend in die Nase: kalt, feucht, verbranntes Holz. Der schönste Geruch der Welt, beschloss ich still und heimlich.

Als ich mit meinem Hund, am 21. Dezember, über die Straßen lief, lachte ich und genoss den Geruch von Weihnachten, obwohl mir der Kalender zeigte, dass ich mich drei Tage zu früh freute.    

Ich werde also Heiligabend am Fenster stehen und die Lichter der Häuser sehen, der Stille der Nacht lauschen, den Duft riechen und Weihnachten fühlen. Ganz gleich aus welchem Fenster ich blicke, welches Essen ich esse und welche Menschen um mich herum sind: es wird Weihnachten sein und es wird, wie in jedem Jahr besonders sein.